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| Die Erfolgsrezepte der Börsenprofis |
Heiko H. Thieme (Jhg. 1943)
Erfolgreicher US-Anlagestratege und Portfoliomanager
tradewire: Nach welchen Erfolgsstrategien traden Sie?
Thieme: Ein gesunder Börsenoptimismus ist wichtig. Wer im Tageshandel tätig ist, muß sich auf die großen Werte konzentrieren, da hier genügend Liquidität vorhanden ist. Wer sich mit
Spezialtiteln wie wir befaßt, muß dagegen einen längeren Zeithorizont im
Auge haben. Es ist also zu unterscheiden zwischen tagesnahen
Handelschancen und einer langfristigen Anlagekonzeption. Generell
bevorzugen wir Aktien zu kaufen, wenn die Kurse sich auf einem
Abwärtstrend befinden und wir hier den Kauf vor dem Umkehrtrend
erwischen. Generell gilt es dabei die Aktienpsychologie zu betrachten,
das heißt, bei Kursschwächen zu kaufen und nur Teilpositionen
aufzunehmen. Wenn man 100.000 DM angelegen will, sollten zunächst nur 25 Prozent (25.000 DM) investiert werden.
Fällt die Aktie um 5-10 Prozent kauft man wieder 25 Prozent nach usw.
Sind alle 100.000 DM angelegt und die Aktie sollte weiter fallen, hilft
nur noch beten. Die Börse verhält sich meist absolut marktunüblich. Wenn
man ein Unternehmen nicht versteht oder keine Zeit hat, sich darüber zu
informieren, lieber den Bankberater fragen, als Gerüchten auf den
Leim zu gehen. Man sollte auch Verlusten nicht nachtrauern, denn es gibt so viele Chancen, sie wollen nur entdeckt werden.
tradewire: Sie betreiben selbst Daytrading. Was reizt Sie daran?
Thieme: Der Reiz beim Tageshandel ist der, daß man hier relativ
kurzfristig die Bestätigung seiner Börseneinstellung feststellen kann.
Allerdings ist der Tageshandel auch mit hohen Risiken verbunden.
Immerhin sind mindestens 75 Prozent der Tagesgeschäfte Verlustgeschäfte,
da man hier gegen den Faktor Zeit zusätzlich spekuliert. Mit anderen
Worten, man muß nicht nur die Fundamentaldaten kennen, sondern auch den
Zeitfaktor berücksichtigen. Dazu sind 6,5 Stunden Handelszeit, die eine
Börsensitzung darstellt, ein nicht unbedingt großzügiger Zeitraum.
Schnelle Reaktion und die Fähigkeit zu besitzen, kleine Gewinne
mitzunehmen sind dabei eine wichtige Voraussetzung. Der Laie hat hier
größte Schwierigkeiten, da allein die Unkosten ungleich höher sind als
bei dem Profi.
Für den unerfahreren Investor wäre eine langfristige Anlagestrategie, wenn man regelmäßig mit relativ kleinen Beträgen an der Börse investiert. Wenn ein 20jähriger jedes
Jahr lediglich 1000 DM in den Dax-Index anlegt, wird er mit hoher
Wahrscheinlichkeit Millionär, wenn er das 65. Lebensjahr erreicht. Dies
bedeutet nämlich einen Anlageerfolg von lediglich 10 Prozent pro Jahr.
Anders ausgedrückt, wer in 45 Jahren nur insgesamt 45.000 DM investiert,
kann dennoch als Millionär am Ende hervorgehen.
tradewire: "Don't invest in my fund" sagten Sie 1994, als Ihr
erfolgverwöhnter American Heritage Funds 32 Prozent in den Keller ging.
Thieme: Ja, wir haben die Anleger auf die Gefahren bei spekulativen
Investitionen immer hingewiesen. Warum soll man nicht ehrlich sein? Im
Übrigen hatte unser Fonds 1997 wieder mit einem Plus von 75 Prozent den
ersten Rang unter allen Aktienfonds Amerikas erreicht. Allerdings gab es
seitdem wieder erhebliche Schwankungen. Dies gehört nun einmal zu einem
sehr risikoorientierten Fonds. Unser mehr konservativ angelegter
Wachstumsfond weist dagegen ein Plus seit Jahresbeginn von über 25
Prozent auf.
tradewire: Sie arbeiten von 5 Uhr morgens bis manchmal mitternachts in
Ihrem Büro. Was sagt Ihre Familie dazu?
Thieme: Arbeit macht ausgesprochen Spaß, wenn man es gerne tut. Ich habe
das große Glück meine Tätigkeit sehr zu schätzen. Meine Frau und Kinder
haben dafür Verständnis und akzeptieren, daß das Familienleben zwar
etwas kürzer kommt, aber dafür um so intensiver genossen wird. Ich lebe
eine Autostunde von meinem Büro, in Connecticut, entfernt und verbringe
dadurch auch etliche Nächte in meinem Büro, wenn der Arbeitstag 18
Stunden überschreitet.
Am Wochenende genieße ich jedoch die Ruhe auf dem
Lande beim Tennis, Golf oder Fliegen sowie Schachspielen oder anderen
Hobbies, die ich noch habe. Wichtig ist für mich auch der entspannende
Waldlauf als Vorbereitung für den jährlichen Marathon. Heute Abend zum
Beispiel treffe ich mich mit einigen Freunden zum 10 km Lauf im Central
Park am Abend. Schwitzen ist ein gutes Entspannungsmittel
nach der Tagesarbeit.
Vielen Dank für das Interview!
Interview vom 20. August 1999.
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